Deutschland

Ukrainische Erinnerungswoche in Berlin gestartet – "Dekolonisierung" der Sowjetehrenmale im Fokus

Am Vorabend der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Kapitulation des Hitler-Regimes aktiviert die Ukraine eine "Erinnerungsoffensive". Anders als bei der sogenannten Geheimtagung im Museum Berlin-Karlshorst im März sind diesmal Bundestagsabgeordnete und Vertreter des Berliner Senats mit von der Partie.
Ukrainische Erinnerungswoche in Berlin gestartet – "Dekolonisierung" der Sowjetehrenmale im Fokus© Urheberrechtlich geschützt

Von Platon Gontscharow

Das Programm der sogenannten Ukrainischen Erinnenrungswoche ist prall gefüllt. Buchvorstellungen, Führungen, Podiumsdiskussionen und Straßenperformances sind geplant, an denen deutsche und ukrainische Schriftsteller, Publizisten, Historiker, Politiker und Regierungsvertreter teilnehmen. Laut dem Veranstalter, dem ukrainischen Propaganda-Verein "Vitsche" sei in Deutschland die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bis heute stark von sowjetischen Narrativen geprägt. Die Perspektiven der Ukraine blieben oft unsichtbar — "obwohl Millionen Ukrainer:innen Opfer von Krieg, Besatzung und Gewalt wurden" (Schreibweise wie im Original). "Das wollen wir ändern", verspricht der Verein, der die Veranstaungsreihe gemeinsam mit dem polnischen Pilecki-Institut ausrichtet. 

Obwohl der offizielle Beginn auf den 5. Mai fällt, finden auch an den Vortagen wichtige Veranstaltungen statt. Eine davon ist die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion "Erinnern im Krieg – Erinnerung im Wandel", die im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung am 4. Mai um 18 Uhr stattfindet. Im Begleittext postuliert sie tiefe Veränderungen im "kollektive Gedächtnis unseres Kontinents" infolge des "russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine". Inmitten der existenziellen Bedrohung vollziehe sich in der Ukraine ein tiefgreifender Wandel in der Art und Weise, wie Geschichte interpretiert, bewahrt und für die nationale Identität genutzt werde. Zentrale Fragen seien: "Wie löst sich die ukrainische Erinnerungskultur von sowjetischen Narrativen? Welche Gedenkinitiativen entstehen vor Ort? Wie kann ein gemeinsames europäisches Erinnern in Zeiten eines aktiven Krieges aussehen?"

Moderiert wird die Veranstaltung von der Direktorin des Ukrainischen Instituts, Kateryna Rietz-Rakul. Unseren Lesern ist sie als Person bekannt, die die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über den Deutschen Faschismus im Berliner Denkmalensemble einst als "Hexensabbat" beschimpfte. Während der viel beachteten "Geheimkonferenz" im Museum Berlin-Karlshorst am 30. März zum Thema "Fremdes Gedenken" trat sie mit dem Pladoyer auf, die Informationstafeln in russischer Sprache in dem Museum zu entfernen. Sie persönlich sei "dauerverärgert von der russischen Sprache überall". In der Verbreitung der russischen Sprache und Gedenkkultur sieht sie ein "Herrschaftsinstrument" Russlands, das es zu bekämpfen gelte. 

Der Direktor des Museums Berlin-Karlshorst, Dr. Jorg Morre, nimmt an der Podiumsdiskussion teil. In der Diskussuon um die "Umwidmung" der sowjetischen Ehrenmale gehört er zu den treibenden Kräften. Mit der Keynote tritt der Grünen-Außenpoltiker Robin Wagener auf. Seit Jahren fordert er in seinen Statements die sofortige Schließung des Kulturzentrums Russisches Haus in Berlin, das er als russisches Propagandazentrum beschimpft.

Vor dem offiziellen Beginn wurde auch der Band "Ukrainische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück – Stimmen der Gefangenen" vorgestellt, gefolgt von einer Diskussion darüber, "warum ukrainische NS-Opfer in der deutschen Erinnerungskultur weitgehend unsichtbar bleiben." 

Im Zentrum der Veranstaltungsreihe steht eine Diskussion, die direkt vor Ort, unter freiem Himmel am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten, stattfindet. "Dort, wo Geschichte materialisiert ist und wo Fragen nach Erinnerung, Macht und kolonialer Kontinuität im öffentlichen Raum sichtbar werden, führen wir den Dialog unmittelbar am Monument selbst", werben die Veranstalter. Die Zentrale Frage dabei: "Warum müssen sowjetische Denkmäler als koloniales Erbe verstanden werden?" Es wird gar unterstellt, dass diese Monumente die Erinnerungen jener Nationen, die Teil der Sowjetunion waren, auslöschen. "Kann und sollte man ihre Form ändern?", fragen sich die Veranstalter, die zu dieser Diskussion eine Reihe wortmächtiger russophober Propagandisten aus der Ukraine eingeladen haben. 

Eine weitere Station der "Sichtbarmachung" der aktuellen ukrainischen Art des Gedenkens soll ein "performativer" Gedenkmarsch durch das Berliner Regierungsviertel am 8. Mai werden. "Am 8. Mai marschieren wir durch Berlin, um eine längst überfällige Forderung an den Deutschen Bundestag zu richten: Deutschland muss einen Erinnerungsort schaffen, der der Erfahrung der Ukraine im Zweiten Weltkrieg gewidmet ist", heißt es. Interessanterweise wird in dem Aufruf mit keinem Hinweis der nazistische Genozid am Sowjetvolk erwähnt. "Zwischen 8 und 10 Millionen Ukrainerinnen starben während des Zweiten Weltkriegs – als Zivilisten, Soldaten, Zwangsarbeiterinnen" – sie "starben" einfach. Während Hitler und der deutsche Nazismus unerwähnt bleibt, fand der Name des Bezwingers des Nazismus, Josef Stalin, viel leichter den Weg ins Programm: Neben den Angehörigen der jüdischen (die oft in Kollaboration mit ukrainischen Nationalisten getötet wurden – Anm. des Verfassers) und Roma-Gemeinschaften würde auch an die "Opfer stalinistischer Repression" gedacht.  

Dass das Herz der Veranstalter nicht für die sowjetischen Soldaten schlägt, die gegen den Nazismus kämpften, sondern viel eher für deren faschistische Gegner aus den Reihen der mörderischen Partisanenverbände OUN/UPA und möglicherweise gar der ukrainischen SS-Division "Galizien", verrät Vitsche auch in diesen zwei Sätzen:

"Ihnen wurde das Recht verwehrt, für ihre eigene unabhängige Nation zu kämpfen. Wir vollziehen ihren Weg nach, um sie zu ehren und die ukrainische Subjektivität zurückzufordern."

Bekannterweise proklamierten Verbände von Bandera und Melnyck während des Zweiten Weltkriegs den Kampf für einen ukrainischen Staat im Staatenverbund mit dem Drittem Reich. Dieser wurde von Hitler zwar verwehrt, eine Zusammenarbeit aber blieb.

Mit diesem Programm will Vitsche den öffentlichen Raum in der deutschen Hauptstadt besetzen. Dass er sich dafür ganz öffentlich der Politisierung und Manipulation des Gedenkens bedient – Sünden, die man ständig den Russen vorwirft, stört die Berliner Förderer des Vereins keineswegs. Wichtig ist das Resultat: Die Verbannung der Russen und der Einzug der Ukrainer an deren Stelle in das deutsche Geschichtsbewusstsein.

Dass angeblich die "Russen" den Sieg und das Gedenken an den Krieg für sich allein beanspuchen ist eine für dieses Vorhaben notwendige Lüge. In der Realität findet das Gegenteil statt. So haben die Teilnehmer der Aktion "Unsterbliches Regiment" am 3. Mai in Frankfurt am Main bei ihrem Marsch die Flaggen aller 15 Republiken der UdSSR getragen und eine Anprache in deren Sprachen gehalten – zur Würdigung aller Kriegsteilnehmer der multinationalen Sowjetarmee. 

Auch den Deutschen würde das nationalistische Vitsche-Geschichtsnarrativ wohl kaum schmecken. So etwa findet der Historiker Dr. Christian Hufen diese Tendenz sehr "gefährlich". Leider gebe es Menschen in Deutschland, die die außenpolitische Beziehungen unseres Landes erschweren, sagte er im Gespräch mit RT DE. Es sei eine Provokation.

"Man muss über diese Dinge anders reden. Dazu gibt es Staatsverträge, über den Umgang mit Denkmalen muss mit Moskau abgesprochen werden."

Schließlich gebe es eine vertragliche völkerrechtliche Absicherung, wie die Bundesrepublik Deutschland die Ehrenmale schützt und erhält. "Ich wüsste jetzt nicht wie man daran rütteln soll", so Hufen. 

Für die Geschäftsführerin des BSW-Landesverbands in Berlin, Wiebke Diehl, ist die Umwidmung der Ehrenmale gar Teil der Kriegsvorbereitung. "Fakt ist, dass 27 Millionen Sowjetbürger ihr Leben dafür gegeben haben. Und es ist völlig illegitim, das in irgendeiner Form umzuwidmen. Zumal ja Sowjetbürger auch Ukrainer sind. Also es ist völlig egal, welche Nationalität jemand hat. Es ist ganz klar, dass hier das einfach Teil der Kriegsvorbereitungen ist. Das Feindbild Russland soll weiter geschürt werden", sagte sie im Gespräch mit RT DE. Dagegen helfe die Aufklärung über den Sinn und Zweck der Denkmäler sowie zahlreiches Erscheinen zur Kranzniederlegung an den jeweiligen Gedenktagen. 

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